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Aggression
und Gewalt
in
ausgewählten Komödien Shakespeares
Seminararbeit
Lehrveranstaltungsleiter:
Professor Riehle W
Wintersemester
1997/98
Eingereicht
von: Ulrike Passler
Matrikelnummer:
7611674
Studienkennzahl:
B 343 295
Inhaltsangabe
1 Einleitung ..............................................................................
Seite 1
2 Aggression und die Komödienstruktur..........................................
Seite 2
3 Erscheinungsformen aggressiven Handelns....................................
Seite 4
3.1 Die gesellschaftliche Dimension.........................................
Seite 4
3.1.1 Aspekte von Macht und Normen............................ Seite
4
3.1.2 Gesellschaftliche Schichtzugehörigkeit....................
Seite 5
3.1.3 Im Spannungsfeld verschiedener Lebensphilosophien.... Seite 6
3.2 Die individuelle Dimension................................................
Seite 7
3.2.1 Die Aggressions – Frustrationshypothese................ Seite
8
3.2.2 Die Personifikation der Böswilligkeit.......................
Seite 9
3.2.3 Die Männerwelt, Männer unter sich.........................
Seite 10
3.2.4 Das Spiel der Geschlechter......................................
Seite 11
3.3 Aggressoren und Opfer im Überblick..................................
Seite 12
4 Stellenwert der Aggression in der realen und fiktionalen Welt........
Seite 14
5 Zusammenfassung.......................................... Seite 15
1 Einleitung
Gewalt, verbale Beleidigungen, Beschimpfungen, Körperverletzung,
Selbstmord, Tod –all das sind Begriffe mit denen zweifelsohne dunkle Seiten
der menschlichen Existenz verbunden werden. Sowohl auf der kognitiven als
auch auf der emotionalen Ebene klassifizieren wir diese eben erwähnten
Verhaltensweisen in den Bereich des Negativen. Sie sind abscheulich, abzulehnen,
und weiter wird die Verbindung zu "ernst" und "tragisch" aufgebaut.
Um so wunderlicher mag es, auf den ersten Blick hin zumindest, erscheinen,
daß gerade diese aggressiven Verhalten, im Zusammenhang mit Komödien
untersucht werden, also im Zusammenhang mit komischen, humorvollen Aspekten
und einer Zugangsweise zum menschlichen Dasein, die von Leichtigkeit gekennzeichnet
ist. Ein Paradoxon zweifelsohne; aber geraden in diesem, ich nenne ihn
vorerst scheinbaren Widerspruch, liegt eine breitgefaßte Vielfalt
der Aussagekraft jener Komödien Shakespeares, die auf den folgenden
Seiten unter dem Aspekt aggressiven Verhaltens näher analysiert werden.
Als weiterer scheinbarer Widerspruch kommt hinzu, daß es sich dabei
um einige von Shakespeares romantischen Komödien handelt, deren Haupthandlung
sich um das Thema Liebe dreht, nämlich Two Gentlemen of Verona
(2Gm of V), A Midsummer Night’s Dream (MSnD), Much Ado
about Nothing (MA ab. N)und Twelfth Night (12th N).
Die Comedy of Errors (C of E) wird deshalb in diese Überlegungen
mit einbezogen, weil sie wesentliche Grundmuster und Grundstrukturen enthält,
die in späteren Komödien ihre Weiterentwicklung im Sinn einer
Kontinuität der Auseinandersetzung mit eben diesen Strukturen erfahren.
Liebe beinhaltet etwas Schöpferisches, Aggression zerstört.
Liebe blüht und schafft ein Zueinander, Aggression bringt Distanz.
Komik heißt Lachen oder Schmunzeln, Aggression bedeutet Schmerz und
Schaden. Aggression führt zur Disharmonie, doch die Komödie endet
in gesellschaftlicher Harmonie. Diese Unterschiedlichkeiten und die dadurch
bedingten Spannungsfelder in einzelnen Werken so zu bearbeiten, daß
sie letztlich zu einer vielsagenden Gesamtheit verschmelzen, ist Shakespeare
in den vorliegenden Komödien zweifelsfrei hervorragend gelungen.
2 Aggression und die Komödienstruktur
Die drei Grundbereiche des Dramas, die Protasis, Epitasis und
Catastrophe umfassen in der Komödie im wesentlichen Aspekte
der Harmonie und Disharmonie.
Die Protasis führt in die Welt des Stückes ein. Charaktere,
die ursprünglich auf eine gesellschaftlich akzeptierte Weise, also
in Harmonie, leben, geraten in ein Chaos. Als Proteus seine Geliebte
Julia in Two Gentlemen of Verona verlassen muß, gerät
das bis dahin geordnete Leben in ein Durcheinander. Dieser Zusammenbruch
des etablierten Zustands stürzt die Charaktere in totale Konfusion.
Protheus verliert sich selbst. Das Nein des Vaters zum erwählten
Geliebten führt im MSnD zur Flucht und den folgenden Verirrungen
und Verwirrungen im Wald, und der tatsächliche oder vermeintliche
Tod des Bruders bringt sowohl für Viola als auch für Olivia
(12th N) emotionale Verunsicherung.
Nun nehmen die Komplikationen ihren Lauf. Die Epitasis zeigt
und durchleuchtet die Erfahrungen der Charaktere, die durch ihr eigenes,
oder das Verhalten der Umgebung im Netz problematischer Situationen und
Umstände gefangen scheinen. Im Spannungsfeld menschlicher Leidenschaften
und Gefühle, absurder Liebe sowie tief sitzender Instinkte reagieren
die Figuren der Komödie irrational und unreif. Reaktionen, basierend
auf Unvernunft und Irrationalität, können nun durchaus aggressiven
Charakter haben. Wenn Proteus (2Gm of V) im Sinn einer völligen
Vernunftlosigkeit seinen dreifachen Treuebruch begeht, also sich selbst,
seinen Freund und vor allem seine Geliebte Julia verrät, ja
diese sogar für tot erklärt, schädigt er sich und andere
und bewegt sich damit im Rahmen dessen, was als Aggression definiert wird:
"Aggressivität [...] als Verhalten, dessen Ziel eine Beschädigung
oder Verletzung ist." (Lexikon d. Psychologie 28)
Identitätssuche, Chaos, Schmerz, Frustration, Irrationalität
und vor allem Unreife – all das sind logische Ursachen oder Folgen gesellschaftlicher
Unordnung und gleichzeitig Auslöser aggressiven Verhaltens, das somit
nicht nur seinen logischen Platz, sondern darüber hinaus sogar seine
Notwendigkeit in der Komödie hat. Figuren reagieren feindselig, bedingt
durch Wut, Ärger oder andere stark negative Affekte, oder aber völlig
affektlos um ein bestimmtes, vielleicht oberflächliches, Ziel zu erreichen,
oder ein Hindernis zu beseitigen, also instrumentell. Protheus reagiert
mit instrumenteller Aggression. Mit seiner Aussage "she’s dead"
(2 GM of V; V II 103) wünscht er Julia
tot und handelt zweck- und zielorientiert. Er erwartet einen Vorteil,
er meint so, auf fast kindlich- naive Art, das zu bekommen, was er will,
nämlich die Liebe Silvias. Silvias Vater hingegen zeigt
spontanen Ärger, spontane Aggression, über den Ungehorsam seiner
Tochter. Die Unterscheidung von feindseliger, spontaner bzw. instrumenteller
Aggression macht vor allem die soziale Dimension aggressiven Verhaltens
deutlich. Sie macht klar daß: "[...] nicht physiologische und hormonelle
Zustände, wie sie einer starken Erregung entsprechen, die Haupterklärung
für das Auftreten aggressiven Verhaltens liefern, sondern vielmehr
die sozialen Umstände und Konsequenzen, die damit verquickt sind."
(Asanger Wenninger 11)
Im wirklichen Leben kommt es nun auf die Erfahrungen durch Modellernen
an und auf die stellvertretenden oder auch selbst erlebten Verstärkungen,
in welcher Form Aggression nun ihren Ausbruch findet. Diese Vorgeschichte
bleibt uns natürlich in Shakespeares Komödien verborgen. Sehr
wohl allerdings lassen sich aus den Verhaltensweisen der Figuren Rückschlüsse
ziehen. Die Leser oder Zuseher bauen somit, durchaus auf Grund ihrer eigenen
Erfahrungswelten, abgerundete Charakterbilder der einzelnen Figuren auf.
Die dramatische Funktion der Nebenrollen, sie kommentieren oder weisen
auf den Abgrund zwischen Ordnung und Unordnung hin, spielt auch beim Aggressionsaspekt
einen wesentlichen Faktor. Sie tauchen als Opfer aggressiven Handelns genauso
auf – als Beispiel sei hier die Rolle der Dromios In der Comedy
of Errors erwähnt – oder sie leiten Lösungs- und Erfahrungsprozesse
durch ihre Interpretationen und Kommentare ein. In Much Ado about
Nothing sind es Friar Francis durch seine Besonnenheit und Dogberry,
die Claudios Aggressionsakt, die Zurückweisung Heros,
die Härte nehmen und letztlich die Wiederherstellung von Harmonie
und Ordnung einleiten.
Abgesehen vom Grundaufbau der Komödie beinhalten auch Aspekte der
Komödienmatrix die Basis für aggressives Verhalten, bzw. sie
sind, wie im Fall der Intrige, bereits Aggression an sich. Die Intrige,
oft Herzstück von Komödien, ist eine stark gesellschaftlich orientierte
Aggressionsform mit dem Ziel der gesellschaftlichen Position oder dem Ansehen
der betroffenen Person oder Personengruppen Schaden zuzufügen, also
gesellschaftlich zu erniedrigen. Der Schaden des einen ist dabei die Freude
und das Vergnügen des anderen. Weiters erfahren die Figuren die Unzuverlässigkeit
der eigenen Gefühle, und Liebe wird im Reifungsprozeß als gefährdet
und instabil erlebt. Shakespeare zeigt in seinen Komödien alle gesellschaftlichen
Schichten und entwickelt Spannungen nicht nur innerhalb einer Schichte,
sondern auch solche, die sich durch die verschiedenen Ebenen ergeben.
3 Erscheinungsformen aggressiven Handelns
3.1 Die gesellschaftliche Dimension
3.1.1 Aspekte von Macht und Normen
"Da gesellschaftliche Gruppen und Klassen unterschiedliche Macht haben,
wird landläufig das als Aggression angesehen, was den Normen der herrschenden
Klasse widerspricht, d.h. für ihre Interessen schädlich ist."
(Handwörterbuch d. Psych. 12)
Die Comedy of Errors beginnt mit einem sehr stark gezeichneten
Aggressionsakt, in absoluter gesellschaftlicher Disharmonie. Im Machtspiel
zwischen Ephesus und Syracuse, das in erster Linie auf merkantilen
Ursachen basiert, werden Gebietsüberschreitungen der Handelsleute
als Mißachtung gesellschaftlicher, bzw. merkantiler Interessen betrachtet,
als aggressive Aktionen interpretiert und mit Aggression beantwortet. Solinus,
Duke of Ephesus stellt fest:
The enmity and discord which of late
Sprung from the rancorous outrage of your Duke
To merchants, our well – dealing country men,
Who, wanting guilders to redeem their lives,
Have sealed his rigorous statutes with their bloods,
Excludes all pity from our threatening looks. (I I
5-10)
Die Gesellschaft, also die Machtinhaber beider Städte, reagieren
mit der Androhung , bzw. sollte ein Freikauf nicht möglich sein, mit
der tatsächlichen Ausführung der vehementesten Art der Schädigung,
nämlich der Tötung. Die Tatsache, daß eigenes aggressives
Handeln dabei die Legitimation durch Argumentation erfährt, indem
es als akzeptierte Reaktion auf eine als Schädigung interpretierte
Handlung des anderen hingestellt wird, hat durchaus auch ihren Sitz im
Leben. Dieser Mechanismus wird oft zur Gewissensberuhigung negativen Verhaltens
verwendet. Solinus spricht sich von jeder Schuld oder Verantwortung
frei. Wie sehr er Macht seiner gesellschaftlichen Autorität reagiert,
und nicht als Individuum, als Mensch, zeigt Shakespeare am Ende der Szene.
Egeons Lebensgeschichte berührt ihn, er scheint zwischen Machtgefühlen
und individueller Menschlichkeit hin und her gerissen:
Now trust me, were it not against our laws,
Against my crown, my oath, my dignity,
Which princes,would they, may not disannul,
My soul should sue as advocat for thee. (I I
143 – 146)
Machtstrukturen siegen, und die Androhung gegenüber Egeon
wird vorerst nicht aufgehoben.
Dieser gesellschaftliche Machtaspekt findet sich auch in anderen Komödien.
Im MSnD reagiert Hermia gegen gesellschaftliche Normen und
die Rolle, die von ihr als Tochter dem Vater gegenüber erwartet wird,
indem sie Ungehorsam zeigt. Auch ihr droht von seiten ihres Vaters, bzw.
von Theseus, dem Herrscher, Tod und Isolation.
Ähnlich verhält es sich in 2 Gm of V. Das als wider
die gesellschaftlichen Normen laufende Verhalten ist auch hier eine vom
Vater nicht akzeptierte Liebe. Silvia ist Thurio versprochen,
doch sie wird von Valentine umworben und erwidert auch dessen Liebe.
Empört reagiert der Duke, als er Valentine mittels eines
Tricks die geplante Flucht mit seiner Tochter nachweisen kann. Er sieht
dies als Verstoß gegen seine Autorität, damit als Aggressionsakt
gegen die bestehenden Regeln und reagiert seinerseits aggressiv, indem
er Valentine verstößt. Unterstrichen wird das gesellschaftliche
Machtspiel dadurch, daß Valentine Zuflucht bei den outlaws
findet, die ebenfalls gegen die Gesetze der Herrschenden gehandelt
haben und als Verstoßene ein räuberisches Leben führen.
Wie sehr hier aggressives Verhalten zum Faktor der gesellschaftlichen
Perspektive wird und je nach gesellschaftlicher Position positiv oder negativ
bewertet wird, kommt deutlich zum Ausdruck. Solinus, Theseus und
der Duke von Milan können Tötung unter dem Deckmantel
der Legitimität anordnen, Valentine macht sich allein dadurch
schuldig, daß er liebt und seiner Liebe nachgibt.
3.1.2 Gesellschaftliche Schichtzugehörigkeit
Wenn Antipholus und Adriana den Diener Dromio schlagen,
handelt es sich meist um indirekte Aggression. Sie entladen starke Emotionen
spontan, aber nicht dort, wo die Ursache dieser Gefühle zu finden
ist. Dromio ist sich dessen bewußt: " My mistress made
it one upon my cheek She is so hot because the meat is cold" (I
II 46,47).
In der Abfolge der Verwirrungen zwischen den Zwillingen Antipholus
von Syracuse und Ephesus bringt Dromio die richtige Botschaft
zum falschen Herrn. Antipholus von Syracuse reagiert auch hier spontan.
Er empfindet die Botschaft als Hohn, nimmt Dromio auf Grund seiner
sozialen Stellung überhaupt nicht ernst und hinterfragt nicht. "What,
wilt thou flout me thus unto my face Being forbid? There, take you
that, Sir knave. He beats Dromio" (I II
91 –93) Dromio nimmt es gelassen. Er macht sich über sich und
seine Situation lustig. An sich erzeugt jeder Aggressionsakt neue Aggressionen
und als Folge davon weiteres aggressives Verhalten. Dromios scherzhafter
Kommentar mag auf den ersten Blick überraschen, läßt sich
aber mit gesellschaftlichem Rang – und Schichtzugehörigkeiten interpretieren.
Er fügt sich in seine Rolle ein und hat letztlich die dramatische
Funktion, gesellschaftliche Positionen hervorzuheben und die Gefühlswelt
der Hauptcharaktere zu dokumentieren.
Physische Gewalt ist eine äußerst heftige, tiefe Form von
aggressiver Handlung, die nur unter ganz bestimmten Bedingungen zum Ausbruch
kommt. Der Aggressor vermeint sein Opfer physisch zu besitzen. Antipholus
ist Herr über seinen Untergebenen, er hat ihn in der Hand, er
hat das vermeintliche Recht, Hand anzulegen. Aggression kann hier in dieser
Form nur deshalb zum Ausbruch kommen, weil es die gesellschaftliche Norm
der elisabethanischen Zeit so erlaubt oder duldet. Der Diener ist ganz
deutlich unterlegen.
Wenn auch der Grad der Schädigung bei psychischer Aggression solche
Ausmaße annehmen kann, daß es zur körperlichen Zerstörung
kommen kann, wie z.B. Selbstmord, so kommt doch bei physischer Gewalt noch
ein zusätzlicher erniedrigender Faktor hinzu.
3.1.3 Im Spannungsfeld verschiedener Lebensphilosophien
Malvolio in 12th Night ist der Inbegriff musterhafter
Disziplin und Ernsthaftigkeit. Als absoluter Herrscher über Recht
und Ordnung wacht der Haushofmeister über Olivias Hof.
Seine Selbstüberzeugung macht ihn blind für das, was in seiner
Umgebung vor sich geht, macht ihn zum Narren seiner selbst und verschließt
ihm jede andere Sicht oder Zugangsweise zur Welt um sich.
Malvolio ist es absolut unmöglich das bunte Treiben und
Feiern von Sir Toby und Sir Andrew zu verstehen, die in ihrer
Lebensweise das Gegenstück zu ihm darstellen. Essen, Trinken, Amüsieren,
einfach die Regeln gängiger gesellschaftlicher Strenge zu überschreiten,
gehören zu Sir Tobys und Sir Andrews Lebensinhalten.
Der Konflikt zwischen den beiden Lebensphilosophien zeichnet sich für
die Zuseher oder Leser bereits beim ersten Zusammentreffen von Toby
und Malvolio ab. Malvolio greift in die ausgelassene
Feier ein und unterbricht Tobys Gesang: "My master are you mad?
Or what are you? Have you not wit, manners, nor honesty, but to gabble
like tinkers at this time of the night?" (II III 83-85)
Es erscheint in diesen Zeilen als dramatische Ironie, daß Malvolio
die anderen als verrückt (mad) bezeichnet und sie beschuldigt,
ihren Verstand, ihr Benehmen und ihre Ehrenhaftigkeit verloren zu haben.
All das fällt ihm später im Verlauf des Stückes selbst zu.
Sir Toby kann Malvolios Verhalten nicht hinnehmen. Das
Aufeinanderprallen der beiden Welten führt unweigerlich zu Spannungen,
die sich schließlich in einer Intrige entladen, die Malvolio in
jenem oben beschriebenen Zustand, erscheinen läßt.
Tobys Absicht ist eine bewußte Schädigung Malvolios,
er will ihn von seinem gesellschaftlichen Rang entthronen, aber auch als
Person verunsichern. Malvolio, die Personifizierung von Ordnung
und Ernst, wird durch den Aggressionsakt der Intrige ins Chaos gestürzt,
lächerlich gemacht, als Verrückter, als Narr entlarvt.
Toby, Andrew und Maria gehen dabei sehr überlegt
vor. Ihnen ist das Ziel, das Ausmaß des Schadens , den Malvolio
erleiden soll, von vornherein klar. Die Planung erfolgt sehr bewußt,
sie beziehen Kenntnis über persönliche Schwächen Malvolios,
z.B. seine Eitelkeit, sowie besondere Fähigkeiten ihrerseits,
Maria kann Olivias Handschrift imitieren, kühl und berechnend
mit ein. All diese Kriterien, die bei Intrigen immer eine Rolle spielen,
finden sich auch in der Definition von Aggression. Tobys, Marias
und Andrews Verhalten zielt auf eine erwartete, gerichtete, beabsichtigte,
gezielte und vorsätzliche Schädigung Malvolios ab. (vgl.
Asanger, Wenninger 11)
Im Hinblick darauf, daß die Intrige ein Grundmuster der Komödie
ist, kann nun das Argument gebracht werden, daß Aggression als Grundelement
der Komödie wichtig ist und in jenem Prozeß eine tragende Rolle
spielt, der zur Neuorientierung im Chaos, zur Wiederherstellung der Harmonie
bzw. zur Herstellung einer reifen, neu geordneten Harmonie, am Ende der
Komödie führt.
3.2 Die individuelle Dimension
Grundsätzlich sei festgestellt, daß sich die individuelle
Ebene von der gesellschaftlichen nicht strikt trennen läßt.
Individuen sind eingebettet in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext,
sie sind gebunden an soziale Normen und Werte, spielen soziale Rollen und
müssen sich den damit verbundenen Erwartungen stellen.
Darüber hinaus mag der Einzelne dennoch sehr persönliche Beweggründe
haben, aggressive Handlungen zu setzen. Diese werden in ihrer Erscheinungsform
sehr typisch für die jeweilige Person sein und im Drama einen großen
Beitrag zum abgerundeten Charakterbild der jeweiligen Figur darstellen,
auch wenn die Rahmen für die Handlungen vom normierten sozialen Netzwerk
vorgegeben sind.
3.2.1 Die Aggressions- Frustrationshypothese
"[...] wenn die Frustration [...] anhält, wird sich die Wahrscheinlichkeit
aggressiven Verhaltens erhöhen." (Lexikon d. Psych. 33) Das bedeutet
also, daß jede enttäuschte Erwartung zwar nicht unbedingt zu
einem Aggressionsakt führen muß, aber eine gewisse aggressive
Grundstimmung erzeugt, die Nährboden für Gewalthandlungen ist.
Nachdem Puck, der Droll im MSnD, Lysander mit dem
Liebessaft im Schlaf verzaubert, verläßt dieser seine schlafende
Geliebte Hermia. Hermia erwacht aus einem Alptraum, in dem
eine Schlange ihre Brust zu zerreißen droht. Ihre Enttäuschung,
Lysander nicht neben sich zu finden, ist groß. In ihrer Fassungslosigkeit
und Verzweiflung erklärt sie sich Lysanders Verschwinden damit,
daß Demetrius ihn getötet haben muß. Shakespeare
bringt in dieser Sequenz stark negative, aggressive Bilder. Die Schlange
als Metapher für das Böse taucht bereits im Traum auf, noch bevor
Hermia ihre Enttäuschung erlebt, gleichsam als Vorbote des
Negativen. Als Hermia auf den vermeintlichen Mörder Demetrius
trifft (III II), richtet sich ihre Enttäuschung
und Frustration gegen diesen, aber auch gegen sich selbst und äußert
sich in verbaler Aggression: "Now I but chide, but I should use thee
worse, Being o’er shoes in blood, plunge in the deep And kill me too."
(III II 48,49) Später beschimpft sie Demetrius:
"Out, dog! Out, cur" (III II 65) Shakespeare
greift kurz darauf wieder zur Schlange als Metapher, um Hermias
Zorn zu untermauern, um klarzulegen, wie sie Demetrius sieht: "Could
not a worm, an adder, do so much? An adder did it, for with doubler tongue
Than thine, thou serpent, never adder stung." (III II 71-73)
Im Stück der Handwerker führt die Frustration über den
vermeintlichen Verlust bzw. den Tod der Geliebten zum Selbstmord von Pyramus
und stellt ein mise en abyme zur oben erwähnten Sequenz im
Wald dar. Der Tod der Geliebten scheint hier deutlicher, sicherer, und
der Tod des Liebenden, bei Hermia verbal herbeigewünscht, wird
bei Pyramus zur fiktionalen Realität. Shakespeare spielt hier
mit der Intensität der Folgen von Frustration und Aggression. Auf
der Ebene der Komödie darf es ein fatales Ende nicht geben. Hermias
Erlebnisse sind Teil des gesamten Entwicklungsprozesses der Figuren.
Im Spiele der Handwerker allerdings kann der Gedanke bis zum bitteren Ende
weitergedacht werden.
Aggressives Verhalten auf Grund von Enttäuschung und Frustration
kommt in den vorliegenden Komödien sehr häufig vor. In der C
of E sind wir konfrontiert mit Antipholus von Ephesus‘
Vorhaben, gewaltsam die Tür zu seinem Haus zu öffnen, als sie
ihm verschlossen bleibt. Erst Balthasars Vernunft bringt ihn zur
Besinnung.
Orsino beschimpft Cesario/ Viola in 12th
N als er von der vermeintlichen Vermählung seines Gefolgsmannes
mit Olivia erfährt. Die Enttäuschung geht in zwei Richtungen.
Er ist frustriert, Cesario, zu dem er eine starke Zuneigung verspürt,
als auch Olivia, seine Angebetete, verloren zu haben. Frustrierte
Liebe ist z.B. auch bei Claudios Zurückweisung von Hero
in MA ab. N mit im Spiel.
3.2.2 Die Personifikation der Böswilligkeit
Freud sieht die Existenz eines angeborenen Todestriebes, des Thanatos,
der, wenn er nicht in sozial akzeptierter Form abgeleitet wird, zum negativen
Ausbruch kommt. Aufgestaute Energie wird in Form von Aggression entladen,
wobei Ursache dieser Entladung völlig unbedeutende Anlässe sein
können.
In MA ab. N präsentiert sich Don John als von Grund
auf widerwärtig. Sein Lebensziel ist, gegen andere aufzutreten und
andere zu beschimpfen. Nicht mit der Gesellschaft konform zu sein, sondern
gegenläufig zu agieren scheint zu seinem Prinzip zu gehören.
Don John ist von Natur aus so. Bösartigkeit und ein negativer
Energietrieb sind ihm offensichtlich angeboren. Er definiert sich selbst:
I cannot hide what I am: I must be sad when
I have cause, and smile at no man’s jest; eat when
I
have stomach, and wait for no man’s leisure; sleep
when I am drowsy, and tend on no man’s business. (I
III 10 –14)
Weiters stellt er fest: "If I had my mouth, I would bite." (I III
30)
Als er von Claudios geplanter Vermählung mit Hero
erfährt, denkt er sofort in aggressiv – negativen Bahnen: "Will
it serve for any model to build mischief on?" (I III
40) Tatsächlich ersinnt Don John in der Folge einen solchen
Grundriß, ein solches model. Er ersinnt die Intrige , die
dazu führt, daß Claudio Hero zurückweist und in
der Folge über Hero und ihren Vater Unglück bringt. Es
liegt auch hier im Wesen der Komödie, daß die doch unkomödienhafte
Figur Don Johns nicht nachhaltig Schaden anrichten kann. Don
Johns Aggressionsakt führt nach verlorenem Leben zu neuem und
neugeordnetem Leben, zu Versöhnung und Einklang.
Wenn auch die Katharsishypothese nach neueren Forschungen widerlegt
scheint, so trifft sie dennoch, wenn man das Stück als eine in sich
abgeschlossene Welt sieht, zu. Die Leser und Zuseher außerhalb der
fiktionalen Welt müßten jedoch nach einem Warum und Woher, nach
Kausalität und Modell-Lernen fragen. Sie könnten allerdings auch
die Erscheinungsform der Böswilligkeit, wie sie Don John darstellt,
als gegeben hinnehmen und daran zweifeln, inwieweit Ursachen für die
Welt, die fiktionale, wie die reale, tatsächlich von Bedeutung sind.
3.2.3 Die Männerwelt, Männer unter sich
Da es in unserer Gesellschaft überwiegend Männer
sind, die Träger von Macht
und Ansehen sind, ist es verständlich, daß
einerseits besonders männlich – aggressive
Verhaltensweisen positive Beachtung und Bewertung erfahren,
zum anderen,
daß eben diese Verhaltensweisen wiederum zu Macht
und Ansehen führen. (Asanger, Wenninger 14)
In 12th N tauchen wir mitten in die Männerwelt.
Für Toby entsprechen beide "Männer", sowohl Andrew
als auch Cesario nicht dem Bild von Männlichkeit. Er baut bewußt
Spannung zwischen ihnen auf, macht dem einen mit dem anderen Angst, indem
er männlich aggressive Ideale, wie z.B. Fluchen, Beleidigen, Blutrünstigkeit
und Kraft in den Vordergrund stellt. Vergleiche und Metapher unterstreichen
die Verherrlichung aggressiver Männlichkeit: "bloody as a hunter"
(III IV 212) – oder – "Why ,man he’s a devil"
(II IIV 261)
Der Gegensatz zum aggressionslosen Weiblichen kommt in Cesarios,
bzw. in Violas Verhalten und Violas Sprache zum Ausdruck.
Ihren weiblichen Unwillen gegen Aggressivität drückt sie folgendermaßen
aus: "Pray, sir, put your sword up, if you please." (III IV
305) Der bittende, fast flehende Charakter dieser Worte transportiert
deutlich Weiblichkeit. Andrew, in seinem Wesen zwar verunsichert
und feige, reagiert männlich überlegen: "Marry, will I, sir;
and for that I promise’d you, I’ll be as good as my word." (III IV
306,307)
Als im fünften Akt schließlich Sebastian, Violas Zwillingsbruder,
ins Geschehen eingreift, geschieht das auf gegensätzliche Weise mit
männlicher Dynamik, Kraft und Durchsetzung. Diese Begriffe sind gleichzeitig
euphemistische Umschreibungen seiner Aggressivität. Sebastian verweist
den Clown durch verbale Maßregelung auf seine Position, schlägt
den durch die vorhin erwähnte Unterwürfigkeit Violas erstarkten
Andrew mehrfach zurück und zieht das Schwert. Sebastian geht
es um Machtpositionen innerhalb der Männergruppe.
Ähnliches findet sich auch in MA ab. N. Physische Aggression
und das Schwert spielen dort eine Rolle, wo Männer von anderen Männern
beleidigt, also erniedrigt werden. Wenn Heros Vater, Leonato,
und sein Bruder Antonio Claudio zum Duell fordern, tun sie das nicht
nur Heros wegen, sondern um ihre eigene Würde zu verteidigen.
Claudio weiß um seine Überlegenheit und lehnt es ab,
mit den alten Männern zu kämpfen.
3.2.4 Das Spiel der Geschlechter
Im Spiel der Geschlechter geht es für beide Partner darum, im Werben
um den anderen dessen Liebe zu gewinnen und zu erobern. Gewinnen und erobern
sind Begriffe, denen ein gewisser Kampf vorausgeht, ein Kampf vielleicht
mit sich selbst, ein Kampf um den anderen. Shakespeare bringt die Brautwerbung
so gut wie immer im Zusammenhang mit einer aggressiv – kämpferischen
Komponente. Im MSnD eroberte Theseus seine Hippolyta mit
dem Schwert: "Hippolyta, I woo’d thee with my sword, And won thy love
doing thee injuries;"
(I I 16,17) Das Schwert steht hier sowohl
als Werkzeug männlicher Kampfhandlung, als auch als Phallussymbol.
Die Frau zu gewinnen ist der Sieg, beinhaltet Macht über die Besiegte
und wird sogar über Schädigung, über "injuries" erzwungen.
Ähnlich kämpferisch zeigt sich Proteus in 2Gm of
V. Um Silvia für sich zu gewinnen ,ist er bereit, die Männerfreundschaft
durch Verrat zu zerstören und seinem Freund zu schaden.
In MA ab. N kehrt Claudio erfolgreich und viel gelobt
vom Krieg zurück. Als erfolgsgewohnter Sieger setzt er nun zum nächsten
Kampf an. Diesmal geht es um die Frau.
Das erste, was er beim Zusammentreffen mit der Gesellschaft in Messina
von sich gibt, ist: "Benedick, didst thou note the daughter of Signior
Leonato?" (I I 135)
Nicht nur die Werbung findet in aggressiver Atmosphäre statt, sondern
auch die Positionskämpfe in bestehenden Beziehungen sind Zündstoff
für Spannungen und daraus resultierendem Aggressionsverhalten. Im
MSnD steht Titanias Stolz gegen Oberons Willen und
Eifersucht. Beide wollen den indischen Knaben für sich, und beide
versuchen ihren Willen durchzusetzen. Der Streit geht von Beschimpfungen
und Machtbehauptungsversuchen – Oberon: "Tarry, rash wanton; am not
I thy lord?" (II I 64) – über Vorwürfe – Titania:
"And in the shape of Corin sat all day, Playing on pipes of corn, and
versing love To amorous Philladia." (II I 66-68)
– bis zum Ausbruch der Naturgewalten:
[...] The spring, the summer
The childing autumn, angry winter, change
Their wonted liveries; and the mazed world,
By their increase, now knows not which is which,
And this same progeny of evil comes
From our debate, from our dissension;
We are their parents and original." (II I 111-117)
3.3 Aggressoren und Opfer im Überblick
| Komödie |
Aggressor
soziale Rolle |
Opfer
soziale Rolle |
Form der Aggression
|
| C of E |
Duke of Ephesus
Herrscher |
Egeon
fremder Kaufmann |
Androhung physischer Gewalt, Tod |
| Antipholus
Herr |
Dromio
Untergebener |
physische Gewalt
verbale Gewalt |
| Adriana
Herrin |
Dromio
Untergebener |
Physische und verbale Gewalt |
| Adriana
Ehefrau |
Antipholus
Ehemann |
verbale Aggression |
| 2 Gm of V |
Launce, Panthino
niedere Figuren |
Speed, Launce
niedere Figuren |
verbale Aggression |
| Valentine, Thurio
Männer gleichen Rangs, höhere Gesellschaft |
Thurio, Valentine |
verbale Gewalt |
| Duke
Vater |
Silvia
Tochter |
verbale Aggression |
| Proteus
Männer gleichen Rangs, höhere Gesellschaft |
Valentine |
Intrige |
| outlaws |
Gesellschaft |
verbale Aggression, Androhung physischer Gewalt |
| MSnD |
Theseus
Ehemann |
Hippolyta
Ehefrau |
verbale Aggression, Beschimpfung |
| Oberon
Ehemann |
Titania
Ehefrau |
verbale Aggression, Beschimpfung
|
| |
Egeus
Vater |
Hermia
Tochter |
verbale Aggression, Beschimpfung, Androhung
aggressiver Handlungen |
| Demetrius,Lysander,Hermia,Helena
Frauen, Männer gleichen Ranges, gehobenere Gesellschaft |
Demetrius,Lysander,Hermia,Helena
|
verbale Aggression, Beschimpfung, Androhung
aggressiver Handlungen |
| Pyramus
"fiktive" Figur |
gegen sich selbst |
physische Gewalt, Selbstmord |
| MA ab. N |
Don John
gehobene Gesellschaft |
Hero |
Intrige |
| Claudio
Verlobter |
Hero
Verlobte |
verbal, handlungsorientiert |
| Leonato
Vater |
Hero
Tochter |
verbale Aggression, Androhung physischer Gewalt |
| Dogberry
Nebenfigur, Amtsperson |
Conrad
Gefolgsmann |
handlungsorientierte Aggression |
| Leonato, Antonio, Benedick
Männer gleichen Ranges |
Claudio |
physische Gewalt |
| 12th N |
Andrew, Maria, Toby
Männer höheren Ranges, Kammerzofe |
Malvolio
Haushofmeister |
Intrige |
| Olivia
Herrin |
Clown
Untergebener |
verbale Aggression, Androhung physischer Gewalt |
| Toby
Männer gleichen Ranges |
Andrew, Cesario |
Intrige
|
| |
Sebastian, Andrew
Männer gleichen Ranges |
Andrew,Sebastian |
physische Gewalt |
| Duke
Herr |
Cesario (Viola)
Untergebener |
verbale Aggression |
Aus der obigen Aufstellung läßt sich erkennen, daß
physische Gewalt nur von Personen mit eindeutig hohem gesellschaftlichen
Rang gegen Untergebene gerichtet ist, bzw. im Männerkampf zwischen
Männern gleicher Rangordnung gezeigt wird. Frauen sind deutlich öfter
Opfer aggressiver Handlungen als Akteure. Die Komödien erlauben Frauen
gleichen Ranges (Hermia und Helena), der shrew, also der
Nörglerin (Adriana), der bissigen Dienerin (Maria) und
der frustrierten Liebenden (Hermia, Helena) aggressive Verhaltensweisen.
4 Stellenwert der Aggression in der realen und fiktionalen Welt
In den von mir ausgewählten Komödien bringt Shakespeare eine
breite Palette aggressiven Verhaltens. Aggression geht quer durch alle
Gesellschaftsschichten und erscheint in vielen unterschiedlichen Ausdrucksformen,
von spielerischem Necken oder Gängeln über Beschimpfungen, Intrigen
bis hin zur physischen Gewalt und dem Tod. Die Charaktere der Komödie
sind gefangen im Spannungsfeld ihrer gesellschaftlichen Rollen, den Umständen,
die von dieser Gesellschaft an sie herangetragen werden und ihren eigenen
leidenschaftlichen Instinkten und Gefühlen. Anregungs – und Vermeidungsverhalten
werden gleichzeitig aktiviert, was zu Verhaltensauffälligkeiten, Konfusion
und Chaos führt. Aggression ist eine Ausdrucksform davon und manchmal
auch Teil der Bewältigungsstrategien. Im Prozeß der Wiederherstellung
von Ordnung und Harmonie, im Prozeß der Reifung und Läuterung,
gehen die Figuren Irrwege. Doch mit der Erlangung der Ordnung reguliert
sich auch Verhalten wieder, nimmt seine normale, harmonische und nicht
schädigende Form wieder an.
Im psychologischen Sinn geschieht beim Zusehen oder Lesen eines Werkes
"Lernen am Modell". Erfahrungen, die Figuren machen und Verhaltensmuster,
die sie zeigen, werden als potentielle Verhaltensmöglichkeiten von
den Zusehern und Lesern prinzipiell gelernt. Ob sie als brauchbare Muster
auch übernommen werden liegt sehr stark an der vorhandenen oder nicht
vorhandenen positiven Verstärkung der Modelle, bzw. Figuren und Charaktere
des Stücks. Darin liegt nun für die reale Welt ein Vorteil, aber
zugleich auch eine Gefahr.
Der Vorteil kann in der Erkenntnis liegen, daß schwierige Situationen
gemeistert werden können und sich schließlich nach dem Motto
Ende gut alles gut in Wohlgefallen auflösen. Auch zeigt
die Komik, daß ein leichter Zugang zum Leben, also die komische Perspektive
der Dinge, Harmonie bringen kann.
Die Gefahr allerdings besteht, gerade was Aggressivität anbelangt,
in einer gewissen Verharmlosung aggressiven Verhaltens durch den Komikcharakter
und, in der Folge, durch die Herabsetzung der Reizschwelle der Sensibilisierung.
Das bißchen Schlagen (Dromios) oder das bißchen Intrige
(Sir Toby, Maria) ist ja eigentlich doch ganz lustig – vor allem
dann, wenn es durch Duldung der Betroffenen (Dromios) oder Erfolg
( Toby, Maria) noch verstärkt wird.
5 Zusammenfassung
Wenn, wie in der Einleitung erwähnt, Gewalt und Aggression auf
den ersten Blick scheinbar recht wenig zur Idee der Komödie passen,
so zeigt jedoch ein genaueres Hinsehen, daß gerade die unzähligen
Komplikationen, die auf dem Weg zur comic resolution, zur Auflösung
am Ende des Stückes, führen, aggressives Verhalten nahezu herausfordern.
Es stellt sich die Frage, inwieweit die Komödie ihre Aussagekraft
überhaupt erlangen würde, gäbe es diese Verhaltensauswüchse
nicht. Menschliches Verhalten existiert grundsätzlich wertungsneutral
und Aggression ist mögliches menschliches Verhalten. Die Komödie
setzt nun diese neutralen Verhalten in die Komikperspektive, so wie die
Tragödie einen tragischen Standpunkt einnimmt.
Shakespeares Komödienfiguren bewegen sich in Komiksituationen,
sind aber mit tiefen menschlichen Problemen konfrontiert. Gerade diese
Tiefe und die Vielschichtigkeit von actio und reactio, was auch aggressiven
Charakter haben kann, haben den Komödie jenen Stellenwert in der Weltliteratur
eingetragen, den sie nun einmal haben. Darüber hinaus hatte Shakespeare
wohl kaum didaktische Absichten, in dem Sinn Zuseher oder Leser zu belehren
zu wollen welche Verhalten nun gut oder schlecht wären. Er zeigt die
Welt, wie sie ist, er zeigt die Menschen wie sie sind, wie sie im Angesicht
von Irrationalität, Gefühlen, Wünschen und Spannungen reagieren
- –und da gibt es eben auch die Aggression.
Bibliographie
Primärliteratur
Shakespeare, William. The Comedy of Errors. ed Sir Arthur Quiller
– Couch
John Dover Wilson. Cambridge UP: Cambridge,1962
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Quiller – Couch
John Dover Wilson. Cambridge U P: Cambridge,1955
Shakespeare, William. A Midsummer Night’s Dream. ed Sir Arthur
Quiller – Couch
John Dover Wilson. Cambridge UP: Cambridge, 1960
Shakespeare, William. Much Ado About Nothing. ed Sir Arthur Quiller
– Couch
John Dover Wilson. Cambridge UP: Cambridge, 1962
Shakespeare, William. Twelfth Night. ed Sir Arthur Quiller –
Couch
John Dover Wilson. Cambridge UP: Cambridge, 1960
Sekundärliteratur
Asanger, Roland und Gerd Wenninger ed. Handwörterbuch der Psychologie.
Weinheim und Basel: Beltz, 1980
Lexikon der Psychologie, Erster Band Freiburg: Herder 1982
Muir Kenneth, ed. Shakespeare The Comedies.
New Jersey: Prentice Hall, 1965
Peck, John und Coyle Martin How to Study a Shakespeare Play.
Houndsmills: Macmillan Education LTD, 1985
Salingar, Leo. Shakespeare and the Traditions of Comedy.
Cambridge UP: Cambridge, 1974
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