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Die Kunst der Maori
Inhaltsverzeichnis: Seite
Einleitung
Der Begriff Kunst für die Maori 3
Die Besiedlung Neuseelands 3
Die Kunstperioden 4
Te Ao Tawhito: die alte Welt
Die Saat 5
Das Wachstum 5
Die Blüte 6
Der Empfang der Kolonialisten 6
Die Kulturuntersuchung 7
Te Ao Hou: die Neue Welt
Die Trennung der Perioden 8
Das Handwerk 8
Die Folgen der Ansiedlung der Europäer 9
Das Innere der Häuser 10
Das Älteste Haus 10
Die Neuorientierung 10
Der Aufschwung 11
Die Kunstausbildung 11
Nationale Beachtung 12
Beachtung auf internationaler Ebene 12
Die zeitgenössische Kunst 13
Persönlicher Kommentar 14
Wort-/ Sacherklärungen
Animismus 14
Anthropologie 14
Bild Titelseite: Geschnitzter Maori-Götterpfahl in Whakarewarewa bei
Rotorua. Der Glaube an ein spirituell-animistisches Universum druckte sich
nicht nur in der Verehrung lebender Kreaturen aus, sondern auch in der
Anbetung solcher Standbilder.
Einleitung
Der Begriff Kunst für die Maori
Die kunsthandwerklichen Gegenstände der neuseeländischen Maori werden
von der westlichen Kunstkritik als Kunst bezeichnet, eine Vorstellung,
die sich nicht mit dem Denken und der Begrifflichkeit der Maori vereinbaren
lässt. Es gibt keinen Begriff der Maori, welcher Gegenstände als Kunst
bezeichnen könnte, die also zur ausschließlich Ästhetisch-intellektuellen
Befriedigung dienen sollen. Der Großteil der Schätze der Maori, die heute
als Kunst bezeichnet werden, diente stets funktionalen Zwecken. Sie wurden
von den Maori als Taonga Tuku Iho betrachtet, als besonders geschätzte
Besitztümer, die von den Vorfahren übernommen worden sind. Häuser mit
Schnitzverzierungen, Kanus, Fischgeräte, Waffen, Landwirtschaftsgeräte,
Musikinstrumente und Bekleidung allein wegen eines formalen und dekorativen
Wertes zu schätzen, würde bedeuten, diese Besitztümer (Taonga) aus ihrem
kulturellen Bedeutungszusammenhang herauszunehmen. Taonga sind für die
Maori beseelte Gegenstände (siehe Animismus), die, organischen Lebewesen
gleich, als Person und mit Namen in Erscheinung treten und alle jeweils
eigene Mauri (Lebenskraft), Mana (Prestige) und Korero (Geschichte und
Mythologie) besitzen.
Eine westliche Trennung von Material und spirituellem Gehalt steht
den Maori fern, deshalb ist für sie auch die Unterscheidung zwischen Kunst
und Handwerk und die Trennung der bildenden Kunst von anderen schöpferischen
Unternehmungen wie Haka (Gestentanz), Waiata (Gesang und Dichtung) und
Karakia (rituellen Beschwörungen) falsch. Trotzdem kann mit dem Begriff
Toi Whakairo das beschrieben werden, was die bildenden Künste von anderen
Kunstformen der Maori unterscheidet. Toi ist ein Wort, das Kunst, Wissen,
Quellen und Herkunft beschreibt, und Whakairo verweist auf ein gemustertes
Ornament, wie es in der Schnitzerei, der Weberei, der Malerei und bei Tätowierungen
vorkommt. Diese Bezeichnung sagt viel über die Feinheit, Komplexität
und den Reichtum aus, die Toi Whakairo in seinem ureigensten Zusammenhang
besitzt.
Die Besiedlung Neuseelands
Toi Whakairo ist der Ausdruck von in Stämmen lebenden Völkern, die
auf der südpazifischen Insel Aotearoa (Neuseeland) wohnen. Nga Kakano
(die Saat) wurden aus Ostpolynesien durch eine Abfolge von Tipuna (Ahnen)
gebracht, die in Neuseeland (Aotearoa) mit Hilfe von seetüchtigen Waka
(Kanus) um das Jahr 900 eintrafen. Die geographische Abgeschiedenheit,
die Anpassung an ein kälteres Klima, genügend brauchbares Holz, die Entdeckung
von Nephrit (Pounamu), der eine scharfe Schneidefläche behält und anderen
Steinarten überlegen ist, wenn er zu Klingenwerkzeugen verarbeitet wird;
die weiträumige Verbreitung von Faserpflanzen wie Harakeke (Flachs) und
Pingao (Verfügbarkeit von Materialen wie Knochen, Muscheln, Hundehaut
und Federn) führten zur Herausbildung einer eigenen Tradition in der Handwerkskunst.
Die Kunstperioden
Die Geschichte der Toi Whakairo kann grob in zwei Perioden eingeteilt
werden: Te Ao Tawhito (die alte Welt, das erste Jahrtausend), in der sich
die Kunst der Maori abgeschlossen von Prozessen, die außerhalb stattfanden,
entwickelte, und Te Ao Hou (die Neue Welt), die auch Te Ao Hurihuri (die
sich schnell verändernde Welt) genannt wird, in der die Gesellschaft und
Kultur der Maori mit der Kolonisierung von den Europäern (Pakeha) überwältigt
wurden. Drei der vier Hauptentwicklungsphasen der Handwerkskunst der Maori
befinden sich, wenn die Nomenklatur von Hirini Moko Mead zugrundegelegt
wird, in der Periode des Te Ao Tawhito: Nga Kakano (die Saat), Te Tipunga
(das Wachstum) und Te Puawaitanga (die Blüte), die klassische Periode
der Kunst der Maori. Die in Meads Gewächsmetapher der Te Ao Hou-Periode
entsprechende Phase benennt er mit dem Ausdruck Te Huringa (Wendung; von
1800 bis heute), obwohl diese mit Bezügen auf Pflanzenkrankheiten, vollständiger
Ausrottung, Regeneration und Hybridisierung erweitert werden müsste.
Speere aus Melanesien
Bei den Melanesiern waren verschiedene Speerarten in Gebrauch, die
für rituelle Anlässe verziert wurden.
Bridgeman Art Library
Te Ao Tawhito: die alte Welt
Die Saat
Es sind keine Taonga (geschätzte Besitztümer) aus Nga Kakano, der
ersten Periode bekannt, die aus Holz oder Pflanzenfaser gearbeitet wurden,
obwohl es sie gegeben haben muss. Die erhaltenen Taonga aus beständigeren
Materialien wie Stein und Knochen zeigen jedoch in Art (Breitbeilklingen,
Werkzeuge, Waffen, Fischhaken, Amulette, Ohr- und Halsgehänge), Form (Halstuchrolle)
und Verzierung (Kantenkerbungen: einfache, geometrische Muster aus Winkellinien)
einen Zusammenhang mit der polynesischen Kultur (der Maori wird auch zur
ozeanischen Kunst gezählt) auf, der auch beim Holzschnitzen und Weben
sichtbar wird. Viele Taonga sind enger mit der jüngeren polynesischen
Kunst verwandt, obwohl sich die statische, geometrische Liniendarstellung
in einigen Gebieten von Neuseeland erhalten konnte und noch heute in Faserkunstwerken
zu finden ist. In anderen Gebieten entwickelte sich mit der Herausbildung
der für Verwandtschaftsgruppen typischen Kunststile eine kurvilineare
Ausdrucksform. (Ein seltener, schildkrötenförmiger Anhänger im Taranaki-Museum,
New Plymouth, ist von besonderem Interesse, da er ein Tier, das nicht in
Neuseeland vorkommt, im kulturellen Gedächtnis behält.)
Das Wachstum
Geschnitzte, hölzerne Taonga aus der Te-Tipunga-Periode sind selten.
Der Kaitaia-Türsturz (Auckland Institut und Museum) enthält eine zentral
angebrachte, polynesische hei-Tiki-Figur, welche die Personifikation eines
Menschen darstellt. An seiner Seite befinden sich Figuren, die auf die
Manaia-Figuren (menschlicher Körper mit vogelähnlichem Kopf) späterer
Zeiten hinweisen, also auf den Pare (Türsturz) des klassischen Wahrenui
(Großhauses).
Türsturzblende der Maori
Mit kunstvoll geschnitzten Blenden schmückten die Maori die Türstürze
ihrer Häuser.
Die Blüte
Das Haumi (Kanubogenbedeckung) und der Taurapa (Heckspriet) aus der
Doubtlessbucht (Auckland Institut und Museum) entspringen einer eigenen
Kultur, bis zu den kunstvollen Schnitzereien, mit denen das Waka Taua (Kriegskanu),
das wichtigste Identitäts- und Prestigesymbol eines Stammes in der Te-Puawitanga-Periode,
verziert wurde. Eingehackte Spiralen auf einem Haumi (Taranaki Museum,
New Plymouth), die auf die Zeit vor etwa 450 Jahren datiert wurden, nehmen
den kurvilinearen Stil voraus, der ein Charakteristikum der klassischen
Handwerkskunst der Maori ist.
Die Maori scheinen vor etwa 500 Jahren gezwungen gewesen zu sein, sich
zu Experten in der Kriegskunst zu entwickeln. Ganze Gemeinschaften zogen
sich in Pa (befestigte Hügelsiedlungen) zurück, die mit Gräben und Palisaden
befestigt waren, und entwickelten eine Vielfalt von hochspezialisierten
Waffen für den Nahkampf. Diese Waffen waren aus Stein, Knochen oder Holz
gearbeitet. Es gab Keulen wie Wahaika, Patu, Kotiate und Mere und Waffen,
die Langspeeren oder Schlagstöcken glichen wie Taiaha, Tewhatewha und
Kotaha. Manche Waffen wurden mit Kriegern in herausfordernder Stellung
verziert. Die Gesichter tragen Linienmuster, was auf Moko (Tätowierungen)
hinweist, und strecken die Zungen heraus, eine Geste des Mutes und der
Verachtung.
Der Empfang der Kolonialisten
Eines der erregendsten Schauspiele der Maorikultur war ein vollbemanntes
Wake Taua, das auch die ersten europäischen Ankömmlinge empfing. Im Dezember
1692 fand ein blutiges Scharmützel zwischen Matrosen und Kriegern des
Tai-Tapiu-Gebiets (Golden Bay) statt. Dies ist die erste aufgezeichnete
Begegnung zwischen Maori und Europäern: Ein Künstler an Bord eines der
beiden Schiffe der Expedition der holländischen Ostindischen Kompanie
unter dem Kommando Abel Tasmans malte ein doppelrümpfiges Waka Taua mit
gewobenen, dreieckigen Segeln. Künstler, die Kapitän James Cook 1769
während seiner ersten Umsegelung Neuseelands begleiteten, hielten Waka
Taua auf Bildern fest. Diese Kanus hatten geschnitzte Tauihu (Büge) und
Taurapa (Heckspriete), mit den für die Te-Puawaitanga-Periode charakteristischen,
durchbrochenen und gewundenen Spiralmustern und seitlichen Streben. Hoe
(Paddel) und Tiheru (Schöpfgefäße) waren ebenfalls verziert.
Die Kulturuntersuchung
Die systematische Untersuchung der Maorikultur und das Sammeln von
Taonga setzte bei Cooks erstem Aufenthalt ein und wurde auf weiteren Expeditionen
durch Wissenschaftler, Schriftsteller und Künstler (vor allem Aquarellmaler)
weitergeführt. Aus diesen Quellen und anderen erhaltenen Kulturdokumenten
(Taonga und mündliche Überlieferungen), die von den heutigen Maori bewahrt
werden, kann eine Darstellung des Entwicklungsstandes der Toi Whakairo
in der Te-Puawaitanga-Periode direkt vor der Kolonisation erstellt werden.
Die Illustrationen von Sydney Parkinson (um 1745 bis 1771), der Cook auf
seiner ersten Reise begleitete (siehe australische Kunst und Architektur),
zeigen Kriegshäuptlinge der Maori, die als Wilde dargestellt sind, die
mit Moko (Tätowierungen) geschmückt sind und Kahu (Gewänder), Ohr- und
Halsgehänge und Waffen tragen, die bis in die Kolonialzeit überdauert
haben. Exemplare von Te Whare Pora (Webhäuser) wurden von wandernden Künstlern
aufgezeichnet. Schnitzereien an einem Pataka (Steinhaus auf Stelzen, um
1780; renoviert 1818, Auckland Museum), die Te Potaka genannt werden und
aus Te Kaha im Osten der Bay of Plenty stammen, gehören zu den kunstvollsten
Taonga, die aus der vorkolonialen Zeit in Neuseeland erhalten sind.
Maori-Häuptling
Seinem Rang entsprechend ist der Maori-Häuptling Te Aho Te Rangi Wharepu
tätowiert, den der Maler Charles Frederick Goldie im Jahr 1907 porträtierte.
Te Ao Hou: die Neue Welt
Die Trennung der Perioden
Die Trennlinie zwischen Te Ao Tawhito und Te Ao Hou wird durch den
Vertrag von Waitangi, einem Übereinkommen, das 1840 zwischen Stammesvertretern
und der britischen Krone geschlossen wurde, gezogen. In diesem Vertrag
werden den Maori der Schutz der Krone und die Rechte und Privilegien britischer
Staatsbürger zugesichert. Seit dieser Zeit hat die Kunst der Maori zunehmend
vielfältig die Erfahrung der kulturellen Koexistenz und der Zwietracht
zwischen Kolonialherren und Kolonisierten reflektiert. Prestigeträchtige
Stammesabzeichen wie Waka Taua und Pataka, traditionelle Waffen und Werkzeuge,
verschwanden im Lauf des 19. Jahrhunderts. Schulen der Holzschnitzerei
starben aus, und die Maori begannen, sich an den europäischen Lebensstil
anzupassen. Sie trugen europäische Kleidung und Schmuck.
Das Handwerk
Zu den eindrucksvollsten Handwerkskünsten, die von der Zeit der ersten
Besiedlung bis heute überdauerte, gehört der Bau des Wharenui (Großhaus).
Ausprägungen dieser Gebäudeart sind das Whare Whakairo (mit Schnitzereien
verziertes Haus), das Whare Tupuna (Ahnenhaus) und Whare Runanga (Gemeinschaftshaus),
je nach Erscheinung und zugedachter Funktion. Das auf den Marae (den offenen
Ritualplatz des Stammes) weisende Whare ist der charakteristische Ausdruck
der Stammesidentität der Maori und ist die bedeutendste unter der künstlerischen,
kulturellen und architektonischen Leistung Neuseelands. Die Bauform ist
so alt, dass die Maori ihren Ursprung im Reich der Götter sehen. Aber
die Archäologie und die Sprachforschung zeigen eine Spur von polynesischen
Grundformen zu einer eigenständigen Maoriausprägung. Neue Forschungen
belegen, dass sich bereits um 1180 der Grundriss des Whare und das Gabeldach,
das sich über den Vorhof erstreckt, herausgebildet hatten. Die Gebäude
wurden entweder direkt auf den Erdboden gebaut oder bedeckten ein Erdloch
auf Bodenebene, an dessen seitlichen und hinteren Wänden Erde angehäuft
war, um einen besseren Wetterschutz, eine bessere Isolierung und bessere
Abwehrmöglichkeiten gegen Feinde zu bieten. Der Holzrahmen hatte einen
Firstbalken, der von Pfosten getragen wurde und Dachsparren, die verzapft
oder festgezurrt waren. Die Zwischenräume waren wahrscheinlich mit geflochtenem
Reet gefüllt, und die Dächer mit Bast gedeckt.
Die Folgen der Ansiedlung der Europäer
Mit der Zeit wurden die Proportionen der Grundform nicht mehr verändert,
während die Konstruktion weiter verbessert wurde. Die Entwicklung von
Pounamu (Breitbeil- und Meißelklingen) führte dazu, dass die Häuser mit
Schnitzereien in den Stammes- und Regionalstilen verziert wurden. Die Einführung
von Metallwerkzeugen in der späteren Periode der Ansiedlung von Europäern
hat zu einer noch größeren Virtuosität der Schnitzereien geführt. Die
Erfindung von Kowhaiwhai, dem Füllmaterial für Tukutuku (geflochtene
Gitterpaneele mit Mustern), und Whariki (gewobene Bodenmatten) führten
zu einer weiteren Ausschmückung der Innenräume. Der Großteil dieser Arbeiten
wurde von handwerklich ausgebildeten Künstlerinnen geschaffen. Das Bauen
und Schnitzen waren jedoch die Arbeit von Tohunga Whakairo (Experten oder
Schnitz-Häuptlingen). In diesem Bereich bildeten sich rivalisierende Stammesschulen
aus. Jeder Vorgang des Bauprozesses war durch Tapu (Verbote) eingeschränkt.
Das Whare wurde für die Dauer einer Generation als beseeltes Wesen angesehen.
Die Koruru, die Giebelmaske, über der sich manchmal noch ein Tekoteko
befindet, ist der Kopf; das Wort Roro bezeichnet sowohl das Gehirn als
auch den Vorhof; das Matapihi (Fenster) ist ein Auge; die Maihi (Kahnbretter)
stellen ausgestreckte Arme dar, welche die Familie und die Gäste willkommen
heißen und die in Raparapa (Enden) enden, die Hände oder Finger darstellen.
Lagerhäuser der Maori
Um ihre Vorräte zu schützen, errichteten die Maori ihre Lagerhäuser
auf Pfählen, wie dieses Bild aus dem Jahr 1846 zeigt.
Das Innere der Häuser
Im Inneren bilden der Tahuhu (Firstbalken) das Rückgrat, die Heke
(Sparren) die Rippen und die absteigenden Linien den genealogischen Rahmen.
Der Poutokomanawa (der Hauptpfosten, Herzpfahl) kann eine geschnitzte Tupuna
(Ahnenfigur) an der Basis haben. Die am Haus angebrachten Poupou sind Ahnendarstellungen,
deren Augen manchmal mit Paua-Schalen (neuseeländischen Miesmuscheln)
ausgelegt sind. Der Innenraum kann als schützender Poho (Schoß) betrachtet
werden, oder als Kopu (Mutterleib), dessen Eingang durch symbolische Schnitzereien
weiblicher Merkmale auf dem Pare oder Korupe (Türsturz) und über der
Kuwaha (Tür) bezeichnet ist. Wenn die Whanau (Großfamilie) eintritt, ist
sie mit ihren Whare Tupuna (Hausahnen), also mit der Vergangenheit und
Gegenwart, Ahnen und Abkömmlingen, Helden und Mythologien, der Kunst und
Ikonographie in einem Netz vielschichtiger Beziehungen unmittelbar verbunden.
Das älteste Haus
Seit 1769 gibt es schriftliche Notizen über Whare, als Teilnehmer
von Cooks erster Expedition ein beeindruckendes Haus an der Tolagabucht
an der Ostküste sahen. Solche Häuser wurden üblicherweise für Ariki
oder Rangatira (Anführer und Adelige) erbaut.
Das älteste erhaltene Whare whakairo, “Te Hua-ki Turanga“,
befindet sich in der Zeit zwischen Te Ao Tawhito und Te Ao Hou. Jedes später
produzierte Whare lässt sich seitdem von diesem Gebäude herleiten. Es
wurde ursprünglich an der Poverty Bay in den vierziger Jahren des 19.
Jahrhunderts errichtet. Heute befindet es sich im Museum Te Papa Tongarewa,
Wellington. Dieses Whare war die Arbeit von 18 Schnitzern, die von dem
Tohunga Whakairo Raharuhi Rukupo (um 1800 bis 1873) geleitet wurden, der
eine der wichtigsten Schnitzschulen jener Zeit begründete. Obwohl Rukupo
noch mit Steinwerkzeugen ausgebildet worden sein muss, beherrschte er schnell
den Einsatz von Metallwerkzeugen, die von den Europäern ins Land gebracht
wurden. Das Te Hau-ki Turanga ist eine bemerkenswerte Schöpfung und immer
wieder als Blüte der Maorikunst und als Neuseelands bedeutendstes Nationalerbe
bezeichnet worden.
Die Neuorientierung
In der Te-Ao-Hou-Periode haben Neuorientierungen im Whare-Bau stattgefunden.
Zu diesen zählen das “Rongopai“ in Waituhi, das in
den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts unter Führung des Widerstandsführers
und Propheten Te Kooti Airikirangi errichtet wurde und anstelle von Schnitzereien
Muster und Figuren aufweist; das Whare “Turangawaewae“
in Ngharuawhia, das von der Prinzessin Te Puea Herangi 1921 gegründet
wurde; eine Reihe traditioneller Whare, die unter der Führung des Politikers
Sir Apirana Ngata errichtet wurden und deren bedeutendstes das Whare Runanga
ist, das zur Hundertjahrfeier des Vertrags von Waitangi errichtet wurde,
und jene Häuser, die das Wiederaufleben des Nationalismus und der Kultur
der Maori nach dem 2. Weltkrieg ausdrücken sollten. Viele dieser Gebäude
sind nicht nur Zeichen von Stammesidentität und Orte der Geschichte, sondern
als Bestandteile eines kulturellen Widerstands Zufluchtsstätten vor dem
Blick der Europäer. Sir Apirana Ngatas Bemühungen um die Rettung der
Kultur und die Sicherung ihrer Integrität und Kontinuität, führten zu
einer Wiederbelebung der Handwerkskunst des Schnitzens, der Malerei und
des Webens.
Der Aufschwung
Als die Schnitzkunst wieder auflebte, benötigte man auch Tukutuku-Paneele
und Iwhariki, um die Innenräume der Whare Whakairo zu vervollständigen.
Die traditionelle Weberei wurde von Dame Rangimarie Hetet, der bedeutendsten
lebenden Künstlerin Neuseelands, initiiert und von der Maori Women‘s
Welfare League (Wohlfahrtsverein der Maorifrauen) unterstützt. Ihre Tochter
Diggeress Te Kanawa, ihre Enkelin und ihre Urenkelin geben heute die Tradition
weiter. Weitere bedeutende Vertreterinnen dieser Kunstrichtung sind Ruhia
Oketopa, Puti Rare, Eva Anderson und Emily Schuster, die Weblehrerin am
New Zealand Maori Arts and Crafts Institute (Neuseeländisches Institut
für Kunst und Handwerk der Maori) in Rotorua ist.
Kanganaman-Maske aus Neuguinea
Aus Holz geschnitzt und mit Kaurimuscheln, menschlichem Haar und Hauern
eines Wildschweins verziert wurde diese Kanganaman-Maske, in Neuguinea
ein Kultgegenstand bei rituellen Zeremonien.
Bridgeman Art Library
Die Kunstausbildung
Obwohl Traditionalisten dem Sammeln und dem Gebrauch des Materials
immer noch mit tiefem Respekt begegnen, sind sie doch offen genug, um das
Bedürfnis der jüngeren Generation anzuerkennen, die mit Materialien und
Formen experimentieren will. Schnitzer und Whare-Baumeister tolerieren
Neuerungen, wenn sie nicht mit der Tradition und der Etikette brechen.
Seit seiner Gründung 1963 war das New Zealand Maori Arts and Crafts Institute
in Rotorua die Hauptausbildungsstätte für traditionelle Verarbeitungsmethoden.
Nationale Beachtung
In den späten vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts hat der Pädagoge
Gordon Trovey die Idee in die Tat umgesetzt, die Kunst der Maori durch
Einfügen in die neuseeländischen Erziehungsinstitutionen in die Hauptströmung
der Ausbildung zu setzen. Vor allem junge Maorikünstler werden als spezialisierte
Kunst- und Handwerkslehrer ausgebildet. Sie machten sich in traditionellen
Kunstformen kundig und experimentierten mit europäischen Kunstrichtungen.
Viele dieser Lehrer entwickelten sich zu anerkannten Künstlern und Kunsterziehern
wie Hirini Moko Mead, Paratene Matchitt, Cliff Whiting, Ralph Hotere, Sandy
Adsett und Cath Brown QSM. Selwyn Wilson und Arnold Wilson waren die ersten
Maori, die einen Universitätsabschluss in den bildenden Künsten machten.
Die Künstler dieser von Trovey initiierten Bewegung befanden sich unter
den Gründern der Nga Puna Waihanga, einer nationalen Organisation für
Maorikunst 1973. Die Beschäftigung mit europäischer Architektur ist bisher
von wenigen Maori als Aufgabe empfunden worden. John Scott (1924-1992)
war der erste Maori, der als Architekt ausgebildet wurde. Von ihm stammt
die Futuna-Kapelle, Wellington (1961), ein Entwurf, in dem die Stile der
Maori und der Europäer zusammenfließen. Dieses Gebäude ist vielleicht
der Beginn einer eigenständigen Architektur Neuseelands.
Beachtung auf internationaler Ebene
1975 versetzte der Hikoi (Marsch aufs Parlament), der den Beschluss
der Landrechte unterstützen sollte, die Maori schlagartig in einen politischen
Zusammenhang, der auch auf die internationale Beachtung der Maorikunst
Rückwirkungen hatte. Maler und Bildhauer beschäftigen sich mit dem Thema
Sprachverlust, Rassismus, Auflösung der Stammesstrukturen, Entfremdung,
Verstädterung und dem Zwiespalt zwischen den städtischen und auf dem
Land lebenden Maori und Anleihen der europäischen Künstler aus der Maorikultur.
Mana Maori (Stolz, Würde), Kaupapa Maori (Gesetze, Werte) und Mana Motuhake
(Unterscheidung, Eigenheit) werden durch kulturspezifische Ereignisse wie
hui (Versammlungen), Ausstellungen zeitgenössischer und traditioneller
Kunst, Kunstveröffentlichungen und die Wiederaufnahme im Verschwinden
begriffener Kunstformen wie durch Kaupapa Waka, das nationale Kanuprojekt,
gefördert. Internationales Interesse an der Taonga Maori wurde durch Te
Maori geweckt, eine Ausstellung alter und traditioneller Taonga im Metropolitan
Museum of Art, 1984 in New York. Hier erreichte der Versuch, die Taonga
Maori aus dem kulturellen Zusammenhang anthropologischer Museen in einen
Zusammenhang europäischer Kunstauffassung zu bringen, seinen Höhepunkt,
eine Entwicklung, die der Idee des Maori-Kunsthandwerkes allerdings widerspricht.
Die Tatsache, dass die Künste der Frauen nicht beachtet wurden, führte
u. a. dazu, dass sich die Künstlerinnen unter den Maori ihrer Identität
unter der Bezeichnung Mana Wahine (Frauenwürde) versicherten. Robyn Kahukiwa,
deren Kunst ihren Erfahrungen als Maorifrau und Mutter entspringt, malte
Frauen aus der Maorimytholgie in einer Bilderserie, die im Buch Wahine
Toa (1984; 1991) reproduziert wurde. Die rohen und gefühlsintensiven Elemente,
die Gemälde von Emare Karaka und Kura Te Waru-Rewiri auszeichnen, finden
sich auch in den Skulpturen von Shona Rapira Davies (Nga Morehu, die Überlebenden,
1983-1988) und in den Installationen von Diane Prince.
Die zeitgenössische Kunst
Seit 1990 hat sich eine zeitgenössische, städtische Kunst der Maori
entwickelt, die geistreich und ironisch ist. Lisa Reihanas Trickfilm Wog
Features (1990, Ein Farbiger macht mit) und Peter Robinsons Gemäldeinstallation
New Lines/Old Stock (1994, Neue Linien/Alter Vorrat) setzen sich mit Rassismus
auseinander. Shane Cotton überarbeitet Volkskunst der Maori aus dem späten
19. Jahrhundert in stark poetische und nostalgische Bilder. Brett Grahams
Skulpturenausstellung (1492-1642) beschäftigte sich mit den Jahrestagen
der europäischen Eroberung der beiden Amerika und Neuseelands, die 1992
begangen wurden. Michael Parekowhais Kiss the Baby Goodbye (1994, Küss
zum Abschied dein Baby) zeigt Bilder von Spielzeug und Spielteilen, die
zu gigantischen Baukastenmodellen aufgetürmt sind. Die Aufnahme von Werken
von Parekowhai, Robinson und Jacqueline Fraser in eine Ausstellung zeitgenössischer
neuseeländischer Kunst 1995 in Frankfurt, die ironisch mit “Cultural
Safety“ betitelt war, ist ein Zugeständnis an die Zugehörigkeit
zu zwei Kulturen, der neuseeländischen und der europäischen.
Barry Barclays Ngati (1987) behandelt die Begegnung der Kulturen positiv,
aber Merata Mitas Mauri (1987) bewegt das Kinopublikum durch sein radikales
Beharren auf der Sichtweise der Maori und gibt besondere Einblicke in deren
Kultur. Lee Tamahoris Film Once We Were Warriors (1994, deutsch ebenso)
hat die Erfahrungen der Maori (kulturelle Entfremdung, Auflösung der Stämme,
Verstädterung und Rückforderung des Landes) auf ein internationales Forum
gebracht. Die Maori haben durch den künstlerischen Dialog, der Teil der
Globalisierung der Kultur ist, entdeckt, dass sie ihre Erfahrungen mit
anderen kolonisierten Völkern in anderen Ländern teilen.
Statue des Kukailimoku (Britisches Museum, London)
Die ozeanische Kunst ist Teil der Religion, und so wurden auch oft
Götter dargestellt. Die Abbildung zeigt eine etwa 103 Zentimeter hohe
Statue des hawaiianischen Kriegsgottes Kukailimoku.
Bridgeman Art Library
Persönlicher Kommentar
Ich habe dieses Thema gewählt, weil ich mich schon seit längerem für
Neuseeland interessiere. Das letzte mal habe ich eine Arbeit über Neuseeland
allgemein gemacht, das heisst über den Staat, die Wirtschaft, das Land
und die Tiere. Dabei ist mir aufgefallen, dass es neben den uns wahrscheinlich
bekannten “Neuseeländer“ auch noch eine andere Kultur
geben muss: die Maori. Die Maori haben in meiner letzten Arbeit eigentlich
keine Rolle gespielt, da sie von den Kolonialherren unterdrückt wurden
und somit bei der Gründung eines neuen Staates nach westlichen Maßstäben
nichts zu sagen hatten. Auch nachdem Neuseeland als eigenständiger Staat
anerkennt wurde, dauerte es noch sehr lange, bis man anfing, die Maori
in die Gesellschaft einzugliedern, ihnen eine Schulbildung ermöglichte
und ihnen Mitspracherechte zusagte.
Wort-/ Sacherklärungen
Animismus
Lateinisch anima: Atem oder Seele. Der Glaube an die Beseeltheit der
Natur und unbeseelter Gegenstände. Der Arzt und Chemiker Georg Ernst Stahl
prägte im 18. Jahrhundert den Begriff Animismus und stellte die Theorie
auf, dass die Seele entscheidend für die organische Entwicklung aller
Lebewesen sei. Seit Ende des 19. Jahrhunderts beschäftigt sich jedoch
vor allem die Ethnologie mit diesem Phänomen. Der englische Ethnologe
Sir Edward Burnett Tylor benutzte den Begriff, um den Ursprung von Religionen
und primitivem Glauben zu beschreiben.
In seinem Werk Primitive Kulturen (1871) stellte Tylor die These auf,
dass alle Religionen, von der einfachsten bis zur komplexesten, irgendeine
Form von Animismus enthalten. Nach Tylor glauben primitive Völker,
dass der Geist beziehungsweise die Seele die Ursache menschlichen Lebens
sei. Diese Völker stellen sich eine Seele als Phantom vor, das von einem
Menschen in einen anderen, und von Pflanzen und Tieren zu leblosen Gegenständen
wandern kann.
In der heutigen Ethnologie findet der Begriff Animismus kaum noch Verwendung,
da es als erwiesen gilt, dass es sich beim Leib-Seele-Dualismus um ein
abendländisches Konstrukt handelt, welches nicht auf andere Kulturen übertragbar
ist. Mit animistischen Religionen wurden zudem sehr unterschiedliche Glaubensvorstellungen
zusammengefasst, deren hauptsächliche Gemeinsamkeit die Nicht-Zugehörigkeit
zu so genannten Hochreligionen ist.
Anthropologie
Die Wissenschaft, die sich mit der Entwicklung des Körpers, des Geistes
und der Gesellschaft des Menschen beschäftigt.
Quelle: Encarta Enzyklopädie 99
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